Wenn Freiheit einen hohen Preis hat

Tommy H. Jannot erzählt die Geschichte seiner Flucht aus der DDR – und zeichnet das eindrückliche Porträt eines jungen Menschen, der sich der staatlichen Bevormundung nicht beugen wollte.

1984: Das war das Jahr, in dem ich Abitur machte. Ich erinnere mich noch genau an den Moment im Juni, als ich zum allerletzten Mal das Schulgebäude verliess. An die letzten Schritte zur Tür hinaus. An das Klacken der Glastür hinter mir. Und an den Gedanken: Endlich! Mein Leben liegt vor mir!  Ich war am Steuer. Schule war Geschichte. Raus aus der familiären Distanzlosigkeit. Weg aus der norddeutschen Kleinstadt. Erst nach München, später nach Berlin, später... 

Ein halbes Jahr zuvor hatte ein anderer Achtzehnjähriger einen Zettel geschrieben: «Let's go West» – und sich in einen Zug Richtung Westen gesetzt. 
Keine grosse Sache. Wäre da nicht die DDR gewesen. 
Tommy Jannot hatte genug von Fremdbestimmung, autoritärer Staatsräson und ideologischer Bevormundung. Er wollte sein Leben selbst gestalten und seine eigenen Entscheidungen treffen. Sein Kalkül war ebenso nüchtern wie mutig: Im schlimmsten Fall zwei Jahre Haft wegen versuchter Republikflucht – ein Straftatbestand in der DDR – und danach vielleicht der Freikauf durch die Bundesrepublik. Der Freikauf politischer Häftlinge war damals ein bewährtes Mittel der Devisenbeschaffung für den wirtschaftlich angeschlagenen Staat. Und der Umweg über das Gefängnis hatte gegenüber anderen Fluchtwegen einen entscheidenden Vorteil: Man riskierte nicht, an der Grenze erschossen zu werden. Jannot wurde im Zug verhaftet. Es folgten Untersuchungshaft in Greifswald, später Jugendhaft in Halle. Im August 1984 wurde er schliesslich in die Bundesrepublik entlassen. Sein Plan war aufgegangen. 

Fast zwanzig Jahre später lernte ich Tommy Jannot in einem Unternehmen kennen, für das wir beide arbeiteten. TJ – englisch ausgesprochen –, wie ihn alle nannten, war ein echtes Rauhbein mit Herz und klaren Werten. Einer, der selten ein Blatt vor den Mund nahm. Im Positiven wie im Negativen direkt, konsequent und erstaunlich immun gegen opportunistische Verrenkungen.  2024 setzte TJ ein Vorhaben um, das ihn schon lange beschäftigte. Zunächst in den sozialen Medien, später als Buch, zeichnete er das Porträt seines achtzehnjährigen Alter Egos. Er versetzte sich zurück in seine Jugend, schilderte seinen Alltag in Halle, seine Hoffnungen, Zweifel und den langen Weg zu der Entscheidung, einen Ausreiseantrag zu stellen. 

Heute ist kaum noch vorstellbar, welche Folgen ein solcher Antrag damals haben konnte. Wer ausreisen wollte, riskierte nicht nur Repressalien gegen die eigene Person, sondern oft auch Nachteile für Familie und Umfeld. Jannot erzählt davon in kurzen, tagebuchartigen Episoden. Authentische Fotos und Illustrationen ergänzen die Erinnerungen und verleihen den Szenen Anschaulichkeit. Dazu kommen Songtexte und kulturelle Bezüge jener Zeit, die sein damaliges Lebensgefühl spiegeln und das Buch weit mehr sein lassen als eine politische Rückschau. 

Im Mittelpunkt steht ein Jugendlicher, der seinen Wunsch nach Selbstbestimmung hartnäckig verfolgt. Einer, der wusste, wann es klüger war zu schweigen, der aber seine Überzeugungen nie preisgab. Alle scheinbaren Hintertürchen, die ihm geöffnet wurden, liess er ungenutzt: keine Relativierungen, keine Widerrufe, keine faulen Kompromisse. 
Und zugleich beschreibt Jannot keinen Helden aus Bronze. Sein junger Protagonist hat Angst, zweifelt, weint auch einmal. Aber er verzweifelt nicht. Er sucht Verbündete, knüpft Beziehungen und schafft sich selbst unter Haftbedingungen kleine Räume von Sicherheit und Normalität. Gerade diese Mischung aus Sturheit, Verletzlichkeit und trockenem Humor macht die Geschichte glaubwürdig. 

Wer die DDR nur aus Geschichtsbüchern kennt, erhält hier einen sehr persönlichen Einblick in den Alltag eines jungen Menschen, dessen Lebensweg durch staatliche Repression massiv beeinflusst wurde. Und wer selbst gerade dabei ist, seinen Platz im Leben zu suchen, entdeckt zwischen den Zeilen noch etwas anderes: wie viel Kraft aus einer klaren Vorstellung davon entstehen kann, wohin man will. 

«Der 18-Jährige, der einen Zettel schrieb und verschwand» ist kein pathetisches Freiheitsdrama und keine historische Abrechnung. Es ist die Geschichte eines jungen Menschen, der seinen eigenen Weg gehen wollte – und bereit war, dafür einen hohen Preis zu zahlen. Gerade deshalb ist das Buch nicht nur für Zeitzeugen interessant, sondern vor allem auch für jüngere Leserinnen und Leser, denen die deutsche Teilung heute so fern erscheint wie die Römerzeit. Es erinnert daran, dass Freiheit und Selbstbestimmung keine Selbstverständlichkeiten sind – und dass manchmal ein kleiner Zettel genügt, um ein ganzes Leben zu verändern.